Vision Ganztagsschule
Die Definition der KMK schöpft das Potenzial des Begriffs „Ganztagsschule“ nicht aus. Vielmehr impliziert sie lediglich eine organisatorische Grundlage und lässt gerade ein pädagogisches Konzept vermissen. Eine schlechte Schule, die ganztägig organisiert ist, ist eine ganztägig schlechte Schule. Die Motivation von Schülerinnen und Schülern nimmt unter solchen Voraussetzungen weiter ab. Daher muss das Ziel sein, eine bessere Ganztagsschule zu errichten.
Folgende Kriterien sind hierfür entscheidend:
Gestaltung der Schule als Lebensraum: Dies kann beispielsweise architektonisch erfolgen, aber auch nur einzelne Raumänderungen betreffen. So sind z.B. Lerninseln, Bibliotheken oder Grünpflanzen (zur Verbesserung des Raumklimas und zur Schaffung von Erholungsräumen) denkbar.
Rhythmisierung des Schulalltags: Dies kann beispielsweise durch die Aussetzung des 45-Minuten-Taktes verwirklicht werden.
Studienwerkstatt: Freiräume in der Stundentafel könnten als Fragestunden eingerichtet werden, in denen Schülerinnen und Schüler mit ihren Fachlehrkräften offene Probleme klären, in den Verarbeitungsphasen also Rat der Lehrkraft einholen können. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Lehrerinnen und Lehrer während ihrer unterrichtsfreien Arbeitszeit (UFAZ) in der Schule bleiben und ansprechbar sein müssen.
Schulisches Pädagogikkonzept: Die Schulen erstellen ein Schulprogramm, welches die Akzente der Schule verdeutlicht (z.B. naturwissenschaftliches oder sprachliches Gymnasium). Ein solches Konzept kann nur funktionieren, wenn es auch im Schulalltag gelebt wird, z.B. durch fächerübergreifenden Unterricht (Kochkurs in spanischer Sprache an einer sprachlich geprägten Schule).
Schulklima: Eine angenehme Arbeitsatmosphäre kann nur erreicht werden, wenn alle am Schulleben Beteiligten sich an der Schule wohl fühlen. Dies kann beispielsweise erreicht werden, wenn Beratungsdienste (wie z.B. Schulpsychologen oder -sozialarbeiter) und medizinische Dienste, sowie Gewalt- und Suchtpräventionsprogramme in den Schulen installiert werden. Auch ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerschaft kann zu einer erheblichen Verbesserung des Schulklimas führen.
Stärkung der Schulautonomie: Den einzelnen Schulen müssen mehr Gestaltungsspielräume eingeräumt werden, damit sie Stärken ausbauen und Schwächen abbauen können. Um dies verwirklichen zu können, müssen den Schulen mehr Rechte eingeräumt werden.
Stärkung der Autonomie der Schülerinnen und Schüler: Schülerinnen und Schüler sollen ihre temporalen Freiräume selbst ausgestalten. Zum Beispiel durch gegenseitige Unterstützung bei der Bewältigung der Hausaufgaben oder durch eigenorganisierte Erholungsphasen.
Fördern von individueller Bildung: Bildung an Ganztagsschulen soll auf die Bedürfnisse der einzelnen Schülerin / des einzelnen Schülers eingehen. Zum Beispiel kann der Frontalunterricht durch projekt- und praxisorientierten Unterricht ersetzt werden. Das aktive und eigenverantwortliche Lernen muss für die Schülerinnen und Schüler im Vordergrund stehen.
Sicherstellen von gesunder Schulspeisung: Jede Schülerin / jeder Schüler soll die Möglichkeit erhalten, eine warme Mittagsmahlzeit zu sich zu nehmen. Dies beinhaltet auch, dass sie gesund und damit abwechslungsreich ist. Die Schule soll auf die Rücksichtnahme auf verschiedene Essgewohnheiten hinwirken. Eine Ganztagsschule, die diese Kriterien erfüllt, entspricht dem Anspruch, den die Bundesschülerkonferenz an eine Ganztagsschule stellt. Etwas Anderes stellt nur ein „Weiter so“ bzw. Länger so“ dar. Die BSK weist auch darauf hin, dass eine Ganztagsschule in offener Form - bietet sie ein umfangreiches, gut organisiertes und vielfältiges Betreuungsangebot - eine anzustrebende Variante der Ganztagsschule sein kann. Nicht nur, weil die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an dem Ganztagsangebot optional ist, bietet gerade sie einen weiten Freiraum für Schülerinnen und Schüler, sowie deren Eltern zur außerschulischen zeitlichen Gestaltung.
1. Aktueller Stand bei Ganztagsschulen
Die BSK nimmt wahr, dass ein Großteil der Ganztagsschulen lediglich die alten Strukturen an wenigstens zwei Nachmittagen um ein Betreuungsangebot bis 16:00 Uhr ergänzt, um förderungswürdig zu werden. Hierbei werden die Mindestanforderungen häufig nicht einmal durch Unterricht, sondern durch Arbeitsgemeinschaften, Eltern oder außerschulische Organisationen (z.B. Vereine) gedeckt, was keinen grundsätzlichen Wechsel in der Politik der Schule bedeutet. Damit widerspricht der aktuelle Stand den von der BSK formulierten Aspekten. Speziell die Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sollten nicht nur zur Sachförderung eingesetzt werden, denn die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler im pädagogischen Bereich muss höchste Priorität haben. Diverse Umfragen belegen, dass die Schülerinnen und Schüler der neu geschaffenen Ganztagsschulen häufig gar nicht über den neuen Schulstatus informiert sind. Das bestätigt, dass die Schülerinnen und Schüler spüren, ob eine tatsächliche Veränderung in der Schul- und Lernkultur stattfindet oder nur einige Unterrichtsstunden Nachmittags an den Vormittagsunterricht angehängt werden.
2. Ganztagsschule als eine Lösung
Das Programm „Ganztägig Lernen“ ist als Reaktion auf das schlechte Abschneiden Deutschlands in internationalen leistungsvergleichenden Studien aufgelegt worden. Dieser Ansatz ist zu unterstützen, jedoch geht er nicht weit genug. Die Definition der KMK darf nicht als Allheilmittel der Bildungsmisere angesehen werden. Eine bessere Ganztagsschule kann höchstens eine Möglichkeit darstellen, auch sie ist allerdings nur ein Teil der Lösung. Des Weiteren sind Veränderungen im Schulumfeld und -alltag nötig. Auch die Neuen Medien müssen dringend sinnvoll in den Schulalltag einbezogen werden, damit Schulen Innovationswerkstätten werden können. Für einen erfolgreichen Wissenserwerb müssen sicherlich auch neue Lernmethoden entwickelt und umgesetzt werden. Hierzu ist es notwendig die Lehrerinnen und Lehrer in diesen Bereichen fortzubilden.
3. Auftrag der Ganztagsschule
Ein Ganztagsschulangebot soll primär die Möglichkeit bieten, Zusatzqualifikation zu erlangen, durch motivierende und begeisternde Angebote die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, die Charakterbildung zu unterstützen und eine Berufs- oder Studienorientierung zu ermöglichen. Die Schule als die gesellschaftliche Bildungseinrichtung muss grundsätzlich die Aufgabe der Werte- und Normenerziehung gewährleisten, falls das Elternhaus hierzu nicht in der Lage sein sollte. Der Erziehungsauftrag einer jeden Schule ist es, den Schülerinnen und Schülern ein demokratisches Grundverständnis zu vermitteln und sie auf das kommende Berufsleben durch praxisbezogenen Unterricht vorzubereiten.
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