Immer wieder kommen vereinzelt Forderungen nach einer Verkürzung der Gesamtstundenzahl auf. Diese könne, gerade innerhalb einer Verkürzung einer gymnasialen Schulzeit, die höher gewordenen Belastungen an Gymnasiasten mildern oder gar beseitigen.
Die
Bundesschülerkonferenz (BSK) spricht sich gegen eine gymnasiale
Schulzeitverkürzung aus. Dies begründet sich einmal an dem Wert, dem wir der
Bildung selbst zusprechen, als auch ganz praktischen gesellschaftlichen
Anforderungen, wie den Bedürfnissen eines starken und gut funktionierenden
Universitätsbetriebs, als auch ein Tribut an die höhere Wechselhaftigkeit
moderner Biographien.
Das Ziel,
gerade der höheren Gymnasialklassen ist sowohl die, aus den humanistischen
Bildungsvorstellungen herrührende, Vermittlung von Allgemeinbildung, als auch
das Herstellen einer Studierfähigkeit.
Dies erfordert ein umfassendes Weltbild, welches nicht nur zur Anwendung von Mechanismen, sondern auch ihrer Hinterfragung und der Entwicklung neuer Mechanismen befähigt.
Dies ist
Grundlage der Findung eigener Stärken und Interessen und damit der
Studienfachwahl sowie Berufswahl.
Ein
umfassendes und wertungsfreies Weltbild reduziert damit gleichzeitig auch die
Quote von Studienabbrüchen und Fachwechsel, durch welche Mehrkosten entstehen,
welche von den Universitäten systemwidrig kompensiert werden müssen und
gesamtgesellschaftlich noch viel wichtiger – erhöht die Qualität der Forschung
und damit auch einen Mehrwert für die Gesellschaft. Nur durch Kenntnisse
verschiedener Gebiete besteht die Möglichkeit über den eigenen und bisherigen
Tellerrand hinaus zu schauen und neue Wege zu gehen.
Dies
stellt jedoch nicht das einzige bedeutende Feld dar:
Mit der Reform hin zur gymnasialen Schulzeitverkürzung hat sich schon zur
Sekundarstufe I ein Nachmittagsunterricht; oft bis in den frühen Abend hinein;
als Norm entwickelt und lässt einen Unterricht im Ganztagsschulmodell nicht
mehr zu. Zusätzlich ist in letzter Zeit verstärkt auch Unterricht an Samstagen
zu beobachten. Somit stellt sich die Situation, dass Kindern und Jugendlichen
die Möglichkeit einer individuellen Freizeitgestaltung verwehrt bleibt. Wir
sehen jedoch gerade diese Freizeitgestaltung – ob das gemeinsame Fußballspiel,
als auch die Zeit der Entspannung – als positiven und wichtigen Faktor der
Persönlichkeitsentwicklung. Im anderen Fall steht eine komplette
Fremdbestimmung des Alltags ohne jegliche individuelle Prägung. Auch
außerschulische Aktivitäten wie Instrumentalunterricht oder Sportvereine finden
keinen oder nur noch zur verhältnismäßig sehr späten Stunde Raum. Zu einem
selbst bestimmten Leben, welches maßgeblich eine individuelle
Persönlichkeitsentwicklung stützt, gehört jedoch gerade eine real existierende
Freizeit.
Durch
Verkürzung der Gesamtstundenzahl würde ein noch höherer Druck entstehen ein
bestimmtes Wissen in einer bestimmten Zeit zu erlernen. Keinem Schüler dürfte
das Phänomen unbekannt sein, Wissen nur für den Termin einer Klausur anzueignen
und danach zu vergessen. Dies liegt maßgeblich daran, dass Mechanismen nur zur
Anwendung eines definierten Problems erlernt werden, nicht jedoch das
Verständnis des Mechanismus selbst und damit die Befähigung des Transfers der
Bildung auf andere Bereiche. Noch dazu stellt eine Schule die Wissen
ausgerichtet auf die nächste Klausur vermittelt, anschließend Vergessen wird
und noch dazu nicht den Transfer auf andere Probleme ermöglicht eine
volkswirtschaftliche Verschwendung und Verschwendung von Lebenszeit sonder
gleichen dar.
Jedoch nicht nur die differenzierte Befähigung zur Problemlösung wird unter einer Schulzeitverkürzung leiden. Jeder Mensch ist es wert, ihm eine gewisse Allgemeinbildung zu vermitteln. Kenntnisse der Geschichte, Philosophie und vieler anderer geisteswissenschaftlicher Bereiche haben für den Einzelnen, wie für die Gesellschaft, einen eben so großen Wert, wie das Wissen um technische Anwendung.
All dies
erfordert Zeit zum Denken und Hinterfragen. Schon jetzt sind die oben genannten
Phänomene zu beobachten. Die Forderung nach mehr Zeit für Bildung ist damit
keine Forderung der Bildungsromantik, sondern eine Forderung der praktischen
Vernunft und der Wertschätzung des einzelnen Menschen.
Die Schulzeit zu verkürzen würde der Logik entsprechen, je kleiner man ein Päckchen mache, um so mehr passe herein. Unter diesen gegebenen Umständen spricht sich die BSK für ein Abitur nach dem 13. Schuljahr aus.
Bundesschülerkonferenz
beim Landesschülerrat Niedersachsen
Berliner Allee 19
30175 Hannover
fon: +49(0)511-1317917
fon: +49(0)5931-8480397
E-Mail: arne.fillies@bundesschuelerkonferenz.org