22.04.2010
In den letzten Wochen füllten sich die Medien immer wieder mit neuen schrecklichen Missbrauchsfällen, zuerst aus kirchlichen Bildungseinrichtungen aber später auch aus weltlichen. So Benjamin Frank Hilbert, Bundesvorsitzender: "Mit tiefstem Bedauern und mit großer Wut nahmen wir diese abscheulichen Meldungen zur Kenntnis. Meldungen welche in einer Gesellschaft nicht sein dürften, in der die Achtung eines jeden Einzelnen das höchste Gut und Gewalt sowie Vergewaltigungen keinen Platz haben sollten."
Immer wieder geht es um sexuelle Übergriffe seitens vereinzelter Lehrer oder Betreuer gegenüber Schülerinnen und Schülern. Wir lesen dabei die Medienberichte, in denen z.Zt. sehr viel über diese Thematik berichtet wird mit großer Sorge und vermissen oft eine differenzierte Darstellung der Missbrauchstaten: Nicht jede Misshandlung an Kindern stellt sofort einen sexuellen Missbrauch dar – oft handelt es sich um Machtmissbrauch bzw. sexualisierte Gewalt. Wenn wir nach bekannt werden dieser Taten nun über Reaktionen und Folgen sprechen, sollten wir diesen Aspekt nicht außer Acht lassen, um so nicht am Ziel vorbei zu schießen, sondern jene Maßnahmen gezielt ergreifen zu können, die am Besten geeignet sind, um den spezifischen Hintergründen der verschiedenen Misshandlungstaten gerecht werden.
Folglich sind einigen Forderungen von unserer Seite in den Raum gestellt worden, um solchen Vorfällen entgegenzuwirken.
A.) So würde die Bundesschülerkonferenz die Verlängerung der straf- und zivilrechtlichen Verjährungsfrist bei Missbrauch von Minderjährigen begrüßen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Missbrauchsfälle erst nach Jahrzehnten angezeigt werden und Opfer aufgrund erlittener, psychischer Belastungen erst nach den derzeit gültigen Verjährungsfristen in der Lage sind, an die Öffentlichkeit zu treten. Ein Staat, der die Familie – und damit auch die Kinder – unter einen besonderen Schutz stellt, darf die Täter nicht belohnen, indem er sie am entscheidenden Punkt der Tatverarbeitung des Opfers von der Strafverfolgung befreit. Gleichzeitig sind wir uns jedoch bewusst, dass eine komplette Aufhebung der Verjährungsfrist – wie sie teilweise in den Medien gefordert wird – auch dazu führen kann (bzw. oft dazu führen wird), dass Täter freigesprochen werden (müssen), da die Beweislage aufgrund der langen Zeitspanne nicht aussagekräftig genug für eine Verurteilung ist. Die daraus resultierenden psychischen Folgen eines Täter-Freispruches für die Opfer sollten in diesem Fall nicht außer Acht gelassen werden und können unter Umständen noch gravierender sein als eine Nicht-Aufnahme des Verfahrens. Die BSK spricht sich daher nur für eine Verlängerung und nicht für eine komplette Aufhebung der Verjährungsfristen aus.
B.) Neben Misshandlungen in öffentlichen Einrichtungen müssen wir auch den familiären und freizeitlichen Raum unter die Lupe nehmen. Dort passieren leider die meisten inakzeptablen Übergriffe mit sexuellem, gewalttätigem bzw. machtmissbrauchendem Hintergrund. Verstehen wir den Bildungsauftrag an den schulischen Einrichtungen als einen ganzheitlichen Auftrag, der nicht nur den 45-Minuten-Unterrichts-Takt, sondern auch die Freizeit und Persönlichkeit des Schülers als Ganzes in den Mittelpunkt rückt, so können wir diese Dimension nicht ignorieren und aus der Schule heraushalten. Ganz im Gegenteil: Wir müssen in diesem Fall versuchen, an der Schule Unterstützungsmaßnahmen zu bieten, die die Schülerinnen und Schüler in ihrem außerschulischem Leben unterstützen und bei Problemen Hilfestellungen bieten.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Schüler Vertrauens- und Ansprechpartner in der Schule finden und diese als selbstverständliche Ansprechpartner sowohl für ihre schulischen, als auch ihre außerschulischen Probleme wahrnehmen. Ansprechpartner können Beratungslehrer oder Schulpsychologen sein. Beratungslehrer sollten aber nicht nur um des Schulgesetzes Willen an einer Schule vertreten sein: Sie brauchen eine gute Ausbildung und Sozialpädagogen an ihrer Seite, denn eine gute Beratung und Hilfeleistung kann nur von gut ausgebildetem Personal erbracht werden. Parallel hierzu ist das Lehrer-Schülerverhältnis von großer Bedeutung. Diese Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden muss von Vertrauen, gegenseitiger Rücksichtnahme und Respekt geprägt sein. Eine der großen aktuellen Herausforderungen besteht daher darin, dort Vertrauen, Rücksichtnahme und Respekt wieder herzustellen, wo sie aufgrund der einzelnen Missbrauchsfälle verloren gegangen sind. Die derzeitigen Pauschalisierungen (z.B. „alle Priester sind potentielle Kinderschänder“) wie man sie durchaus in zahlreichen Medien lesen bzw. hören kann, sind hier vollkommen deplaziert und kontraproduktiv.
Ein Schüler kann darüber hinaus nur Vertrauen gegenüber einem Lehrer aufbauen, wenn der Lehrer den Schüler über Jahre hinweg bis zum Abschluss begleitet. Wir brauchen an Schulen wieder Kontinuität, d.h. Lehrerinnen und Lehrer welche vor Ort immer vertreten sind und nicht auf Grund des Resultats schlechter Personalpolitik der Länder von Schule zu Schule pendeln müssen. Nur so ist es möglich, Vertrauen in das Verhältnis zu bringen und zu zeigen, dass ein Lehrer Ansprechpartner ist. Zudem lernt der Lehrer seine Schülerinnen und Schüler so intensiver kennen und hat so die Möglichkeit, bei auffälligem Verhalten oder psychischen Veränderungen sofort einzugreifen.
Schließlich ist zu sagen, dass durch konsequente Maßnahmen Missbrauch und Gewalt an Schulen entgegen gewirkt werden kann. Sicherlich gibt es kein Allheilmittel, um das Problem gänzlich aus der Welt zu schaffen: Es gibt keine „Vollkaskoversicherung“ gegen Sexual-, Gewalt- oder Machtmissbrauch gegenüber Kindern! Aber folgerichtige Entscheidungen sind notwendig zu treffen. So Hilbert: "Wir alle wissen momentan nicht, ob die ans Tageslicht gebrachten Vorfälle nur die Spitze des Eisberges sind und welche Fälle zukünftig an Bildungseinrichtungen bekannt bzw. vorfallen werden. Wichtig ist jedoch, geschlossen dagegen vorzugehen und alle Bemühungen gegen Missbrauch zu unterstützen und mit Vehemenz voranzutreiben."
Mit freundlichen Grüßen
Cathleen Haack
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